Wenn ich Sie frage, was Sie mit dem Begriff der Freiheit verbinden, werde ich von Ihnen mit absoluter Sicherheit höchst verschiedene, sehr individuelle Antworten erhalten. Mit Sicherheit ist insoweit ein gutes Stichwort, weil Sicherheit im Verdacht steht, mit Freiheit zu kollidieren. Dazu aber später, beginnen wir von vorn.

Was ist Freiheit? Zu Recht werden Sie denken, das will er in diesem Vortrag jetzt nicht ernsthaft analysieren. Grund Ihrer Sorge ist die Erkenntnis, dass es sich um ein hochkomplexes und daher wohl zeitintensives Unterfangen handelt und Sie pünktlich um 20.00 Uhr den Anpfiff des Länderspiels Deutschland gegen Schweden sehen wollen. Ich verspreche also erstens: ich verzichte auf Details und zweitens: Fußball wird auch in diesem Kurzvortrag eine Rolle spielen. Damit Sie weiter eine grobe Vorstellung von meiner Agenda (Spielablauf) haben: die wesentlichen Gedanken habe ich (aus Gründen: Spannungsbogen) fünf Blättern zugeordnet. Vier davon sind eher theoretischen Inhalts, das Fünfte Blatt stammt mitten aus dem Leben. Anschließend wollen wir diskutieren, hierfür sollten die ersten vier Blätter hilfreich sein. Fangen wir also an und wenden wir uns sogleich dem schwierigsten Begriff zu.

Freiheit als großer, vor allem in westlichen Systemen gehegter Wert ist ein Begriff mit vielen Dimensionen. Vielleicht sogar so vielschichtig, dass man eine ganze Wissenschaft (die Philosophie) an ihr orientieren muss. Gottlieb FICHTE (1762-1814) hat das getan und versichert, dass die Philosophie, recht verstanden nichts Anderes als eine „Analyse des Begriffs der Freiheit“ sei.[1]

Ich will es konkreter halten. Freiheit kann man zunächst als die Abwesenheit von Zwang verstehen. Dies wird auch als negative Freiheit bezeichnet. Dieses Verständnis klingt bei Thomas Hobbes an, der in Kapitel 21 des Leviathans (1660) Freiheit definiert als: „das Fehlen von Widerstand, wobei ich unter Widerstand äußere Bewegungshindernisse verstehe“.

Thomas Hobbes wird für gewöhnlich nicht in einem Atemzug mit Vertretern des (klassischen) Liberalismus wie John Locke Immanuel Kant, Adam Smith, oder John Stuart Mill genannt. Das liegt daran, dass seine Konzeption von Freiheit und zwar sowohl derjenigen im Naturzustand als auch derjenigen nach der Vergesellschaftung unter Ägide eines starken Staates (dem Leviathan) für gewöhnlich so interpretiert wird, dass sie im Zweifel der vordergründig zu garantierenden Sicherheit wird weichen müssen. Schon Hobbes hat aber klar herausgearbeitet, dass Freiheit durch den Staat gesichert und damit erst ermöglicht wird. Im Grunde ist der Mensch im vorstaatlichen Naturzustand nämlich nicht frei, sondern muss befürchten, dass andere Menschen ihm Freiheit und gegebenenfalls auch das Leben willkürlich nehmen. Der Staat ist es, der den Einzelnen vor diesen Willkürlichen Übergriffen schützt.

Freiheit ist aber mehr als die Abwesenheit von äußerem Zwang. Nicht frei ist nach Immanuel Kant (1724–1804) auch derjenige, der stets allen Eingebungen des Augenblicks und ausschließlich seinen jeweils spontanen Antrieben folgt. Die Freiheit zu (Positive Freiheit) nach Kant ist einfach gesprochen (autonom) solchen Gesetzen zu folgen, welche sich der Mensch kraft seiner Vernunft selbst gegeben hat. Die höchste Form der Freiheit ist dann das Handeln nach solchen Regeln, von denen wir wollen können, dass sie allgemeines Gesetz wären. (Kants kategorischer Imperativ)

Auch das müssen wir nun herunterbrechen und etwas griffiger machen. Dass äußere Zwänge der Freiheit (im Sinne negativer) Freiheit entgegenstehen, formulierte Rousseau prominent 1762 in seinem Contrat Social, „Der Mensch wird frei geboren, und überall ist er in Ketten.“ Pointiert knüpft dann aber genau an dieser Stelle der Aphorismus „Wer sich nicht bewegt, spürt seine Fesseln nicht“ an, der Rosa Luxemburg (1870 – 1919) zugeschrieben wird.

Noch markanter adressiert Edward Snowden 2013 die multipolare Dimension des Freiheitsbegriffs:

Arguing that you don’t care about the right to privacy because you have nothing to hide is no different than saying you don’t care about free speech because you have nothing to say. A free press benefits more than just those who read the paper.

Freiheit ist indes noch vielschichtiger. Es ist ein kontextabhängiges Konzept, es kommt darauf an, wer sich auf welche Freiheit beruft: haben Unternehmen Persönlichkeitsrechte?

Es gibt nicht die eine Freiheit, sondern viele: die Religions- und Gewissensfreiheit, die Meinungsfreiheit, Vertragsfreiheit, Versammlungsfreiheit, Berufsfreiheit. Dabei geht es auch nicht nur um individuelle, subjektiv einklagbare Rechte. Es geht auch um objektive Wertentscheidungen die unabhängig davon sind, ob sich jemand darauf beruft oder nicht. Nehmen Sie die Garantie des Privateigentums und das Institut einer freien Presse.

Freiheit ist indes noch mehr, als es die negative und die positive Begriffsbestimmung abbilden könnten. Nach dem modernen Verständnis heißt frei sein nicht nur, tun können, was man will, sondern tun können, was man wirklich will.[2]

Freilich fragt sich sodann, was es mit diesem „wirklich“ auf sich hat. Ich will nun keinen Exkurs in die Neurowissenschaft unternehmen, die behauptet hat, Willensfreiheit sei eine Illusion und un- bzw. vorbewusste Prozesse in unserem Gehirn determinierten unsere Entscheidungen.[3]

Muss wirklich wollen im Sinne von Selbstbestimmt wollen nicht bedeuten, dass es (echte) Alternativen gibt? Lassen sie mich auch dieses Problem illustrieren. Haben Sie (wirklich?) die Wahl, sich der Digitalisierung mit all ihren Erscheinungsformen, sei es durch Nutzung von Smart Phones oder Social Media Plattformen wie Facebook oder WhatsApp in Gänze zu entziehen? Gibt es die Freiheit oder gar ein Recht auf eine analoge Welt, wie es Heiko Maas 2015 in seinem Digitalen Grundrechtekatalog behauptet hat? Die Frage ist ernst gemeint, gleichwohl gebe ich zu bedenken: versuchen einmal, ihre Steuererklärung analog (auf Papier) abzugeben.

Auch die Plattformen scheinen Ihnen die Wahl zu lassen. Die Nutzungsbedingungen von Facebook, Instagram & Co nebst aller dort geregelten Befugnisse, ihre Daten zu verwenden akzeptieren Sie im Rahmen der Registrierung. Dann dürfen Sie sich über ihre Auswertung nicht beschweren. Dem Einwilligenden geschieht kein Unrecht, Volenti non fit iniuria, oder?

[1] J.G. Fichte, Gesamtausgabe der bayerischen Akademie der Wissenschaften [=GA] III / 4, 182.

[2] https://www.zeit.de/2018/14/freiheit-werte-westen-geschichte

[3] https://www.spektrum.de/news/wie-frei-ist-der-mensch/1361221