Auf dem zweiten Blatt haben wir gesehen: der Staat muss handeln und es bedarf starker datenschutzrechtlicher Regeln, um den Schutz des Einzelnen auch (vielleicht sogar vor allem) gegenüber privaten Akteuren (Unternehmen) durchzusetzen. Aber ist ein wirksames Datenschutzrecht wirklich alles? Reicht das? Mit der Datenschutzgrundverordnung haben wir seit dem 25.5.2018 ein unionsweit unmittelbar anwendbares und vergleichsweise strenges Regime, das bei all seinen Problemen im Detail, im Grundsatz wirkt. Offenbar sogar so gut, dass in der US-amerikanischen Presse prominent die Frage gestellt wurde, warum die Hegung der Internetgiganten im Silicon Valley wohl in Europa, nicht aber im eigenen Land funktioniert. Man kann die DSGVO damit als gelungenes Werkzeug für einige Herausforderungen verstehen, vor denen die digitale Gesellschaft steht. Dabei ist sie aber nur ein Gegenstand von vielen im Werkzeugkoffer der Daten- und Informationsgesellschaft. Es reicht nicht, die gesamtgesellschaftliche Aufgabe einer bestmöglichen Gestaltung unserer (digitalen) Zukunft bloß über das Recht oder vorgelagert durch die Politik zu adressieren. Es bedarf weiterer Impulse und alles beginnt bei jedem Einzelnen von uns.

Impulsgeber kann und muss eine digitale Ethik sein, deren Ziel Reflexion ist. Ein (methodisch) geordneter gedanklicher Prozess, eingeleitet und nachhaltig geführt auf individueller und gesellschaftlicher Ebene. Die große Frage lautet: was wollen und was brauchen wir für ein erfülltes, bzw. glückliches (digital wie analoges) Leben. Keine künstliche Intelligenz und keine Maschine kann uns das beantworten. Nur wir selbst können es. Der Technikphilosoph und Historiker Malvin Kranzberg hat es einst pointiert formuliert:

„Maschinen haben etwas von einem Zauberer in einem Märchen. Sie geben einem wohl, was man sich wünscht. Sie sagen einem aber nicht, was man sich wünschen soll.“

Wir müssen überlegen, was wir uns wünschen sollen, meine Damen und Herren. Tools in unserem Werkzeugkoffer hierfür sind die digitale Ethik und individuelle Digitalkompetenz.

Einmal mehr müssen wir von der abstrakten Ebene hinuntersteigen und fragen, was das konkret bedeuten kann. Nehmen wir das Beispiel der Rückverfolgung des Endgeräts eines Internetusers über mehrere Dienste und Webseiten hinweg (tracking). Grund dafür mag sein, dass Werbetreibende spezifisch auf unsere Wünsche und Interessen zugeschnittene Werbung zukommen lassen wollen. Überlegen (Reflexion) muss die Gesellschaft, ob sie diese Technik grundsätzlich oder anwendungsspezifisch für akzeptabel hält. Das Ergebnis der Überlegung wird sodann zunächst politisch und bei entsprechendem Konsens rechtlich fixiert. Ist tracking unter bestimmten Vorzeichen rechtlich zulässig, kann der einzelne User den individuell trotzdem begehrten Schutz vor virtuellen Schulterblicken durch das Ergreifen technischer Gegenmaßnahmen selbst in die Hand nehmen. Digitale Selbstverteidigung setzt freilich voraus, dass ein Nutzer die Situation (technisch) bewerten kann (Digitalkompetenz).